Bambi zu Besuch bei der Wildtierhilfe

 

Am 22.06.2014 klingelte mein Handy laufend. Ein Notfall nach dem anderen wurde gemeldet. Babyvögel, die aus den Nestern gefallen waren, verletzte Tiere, die Polizei meldete eine Wasserschildkröte an einem Baggersee bei Unteroberndorf, ein Fuchs wurde angefahren, und vieles mehr. Manni war mit dem Tierrettungsfahrzeug auf einer langen Fahrt in eine ferne Stadt, Moni telefonisch nicht erreichbar für die Babyvogelfinder, und auch zuhause bei ihr machte niemand auf, als Finder mit Babyvögeln vor der Tür standen. Diese wurden dann zu mir gebracht und sperrten hungrig ihr kleinen Schnäbelchen auf.

Nachmittags, noch vor den Babyvögeln, erreichte mich der Anruf eines Coburger Polizisten. Er habe ein angefahrenes Reh gefunden, das dringend Hilfe benötige.

Da ich selbst keine Unterkunft für ein Reh zur Verfügung habe, baute ich meine Hoffnung darauf, dass ich es einer Reh-Spezialistin bringen lassen dürfte. Unser Mann für alles Technische, Jürgen Horn, war bereit, das Reh zu ihr in die Nähe von Kronach zu fahren. Doch leider hatte sie keinen Platz, das Reh aufzunehmen. Wir mussten uns also eine andere Lösung einfallen lassen.

Der Polizist aus Coburg, seine Freundin und ich trafen uns bei der Tierklinik Bamberg. Eine Untersuchung der Verletzungen ergab, dass es noch eine Chance bekommen sollte, dem Tod durch Einschläfern zu entgehen. Es wurde notversorgt und wurde dann zu einer Notunterkunft, einer Blockhütte im Eigentum eines Familienmitglieds von mir gebracht, wo der von mir um Hilfe gebetene Jürgen zwischenzeitlich bereits eilig dabei war, die Blockhütte für das Reh auszuräumen. Er hat Erfahrung mit Ziegen und verfügt daher auch über Grundwissen für andere Wiederkäuer.

Ich brachte Stroh mit, mit dem wir die Hütte auslegten. Jetzt sah das Ganze schon wie ein richtiger Stall aus.

Jürgen hievte das verletzte Reh mit Leichtigkeit aus dem Auto und trug es zur Hütte, wo er es sanft absetzte. Das Reh hatte mittlerweile gemerkt, dass ihm von uns keine Gefahr drohte. Außerdem hatte es bestimmt trotz Schmerzmittel tierisch Schädelweh vom Aufprall auf das Auto. Es verhielt sich daher ruhig und fast zahm.

 

Reh mit sichtbaren Verletzungen vom Autounfall - Jürgen Horn bietet dem Reh Grünzeug an, welches es auch

zögerlich annimmt:

 

Wir wissen leider gegenwärtig noch nicht, ob Mausi, das tapfere kleine Reh, durchkommen wird, da möglicherweise auch innere Verletzungen vorliegen wie bei vielen Verkehrsunfällen. Wir hoffen das Beste für die kleine, brave Rehdame. Drücken bitte auch Sie die Daumen, dass alles glatt geht. Da Mausis Sehvermögen im Moment durch das Schädel-Hirn-Trauma beeinträchtigt ist, können wir auch da nur hoffen, dass durch Zeitablauf eine Genesung eintritt. Ansonsten würde unser Bambi in eine uns bekannte Wildtier-Auffangstation bei einem Tierarzt umziehen, da wir behinderte Tiere nicht einfach wegen einer  Behinderung einschläfern lassen, wenn sie ansonsten gesund und fit sind.

Der Polizist, der mir das Reh übergeben hatte, konnte mir in einem Telefonat noch berichten, dass er zwischenzeitlich den Stellvertreter des zuständigen Jagdpächters erreicht habe. Dieser habe ihm mitgeteilt, dass sie selbst, also die Jäger, das Reh auf alle Fälle getötet hätten, dass es für ihn jedoch auch in Ordnung sei, wenn sich jemand gefunden habe, der das Reh päppeln wolle.

Diese Antwort hörte ich natürlich gerne, denn ich bin bekanntermaßen kein Freund von Erschießungsaktionen, wenn sich irgend eine andere Lösung finden lässt. Die Chance, wieder gesund zu werden, wollten alle Beteiligten dem Tier nicht verwehren. Vielen Dank also auch dem Stellvertreter des Jagdpächters dafür, dass er dem Tier ebenfalls eine Chance eingeräumt hat.

 

Nachdem ich das Reh für eine Weile alleine gelassen hatte, um Babyvögel in Not anzunehmen und um das Reh erst mal entspannen zu lassen, suchte ich es wieder auf. um zu beobachten, wie es ginge.

Es stand im Stroh und fraß sowohl Stroh als auch Grünzeug. Wir hoffen also, dass es durch kommen wird.

 

Da wir immer häufiger auch für Tiere um Hilfe gebeten werden, für die wir räumlich eigentlich nicht ausgerüstet sind, bitten wir dringend um Spenden, um eine eigene Blockhütte für solche Patienten bauen zu können. Da wir solche Tiere bis zum Eintreffen entsprechender Spenden jedoch nur vorübergehend bei Verwandten und Bekannten aufbewahren können, fallen natürlich nach der Erstversorgung meist hohe Fahrtkosten für die Fahrt in sogenannte Endpflegestellen an. Hierfür bitten wir ebenfalls um Förderbeiträge für die Benzinkosten, damit wir die Fahrten weiterhin bewerkstelligen können. Ich finanziere den größten Teil aller anfallenden Kosten selbst von meinem privaten Erwerbseinkommen. Dieses ist leider limitiert. Alleine deshalb benötigen wir dringend Sponsoren, um unsere Hilfe weiterhin anbieten zu können. Es wäre schade, wenn aus Mangel an Geld Tiere in Not bald ohne Rettung bleiben müssten. Wer unsere Arbeit unterstützen möchte, darf gerne unter "Spendenkonto" nach unserer Bankverbindung schauen:

http://wildtierhilfe-bamberg.npage.de/spendenkonto-fuer-ihre-geldspende.html

 

Susanne Wicht

 

Nachtrag vom 27.06.2014:

Mausi gelang es dank intensiver Pflege, sich innerhalb einiger Tage soweit zu erholen, dass sie transportfähig für eine Überführung in ihre Endpflegestelle bei einem rehkundigen Tierarzt war und dorthin umziehen konnte, wo sie nach ihrer vollständigen Genesung mit einem kastrierten Rehbock zusammen leben darf. Aufgrund ihrer unfallbedingten Beeinträchtigung des Sehvermögens wird sie voraussichtlich nicht in die freie Wildbahn zurück können, hat aber ein großes Gehege und einen Artgenossen zur Verfügung und gleichzeitig auch noch einen wildtierkundigen, tiermedizinischen Fachmann als neuen Betreuer.

Auch wenn es mir schwer gefallen ist, mich von Mausi zu trennen, da sie mir aufgrund ihrer braven, lieben Art in den wenigen Tagen sehr ans Herz gewachsen ist, freue ich mich, dass sie als eines der wenigen adulten Rehe, die in menschliche Obhut kommen, überlebt hat und trotz eines völlig neuen, ungewohnten Lebensabschnitts auch weiterin Lebenswillen zeigt. Sie frisst und trinkt mittlerweile wieder gut und es geht stetig aufwärts. Wie die von mir kontaktierte Reh-Fachfrau mir erklärte, ist es schon als kleines Wunder zu betrachten, dass Mausi sowohl die Unfallfolgen als auch den "Stress" durch die menschliche Gesellschaft gut überstanden hat. Mausi war zum Glück nicht sehr gestresst, sondern dankbar für die Hilfe. Sie war in den wenigen Tagen ein ausgesprochen lieber, vertrauensvoller und anhänglicher Patient und wird es in ihrem neuen Zuhause sicher gut haben.

 

 

Nachtrag vom 16.07.2014:

Wir haben Nachricht von Mausis Tierarzt erhalten, dass sich ihr Sehvermögen wieder zu regenerieren scheint. Wir wissen noch nicht, ob sie wieder 100 % sehen können wird, aber immerhin sieht sie jetzt schon mehr als direkt nach dem Unfall. Da hatte ich den Eindruck, dass sie vollständig erblindet war. Das kommt bei Autounfällen durch den Aufprall auf den Schädel leider immer wieder mal vor. Es kann sein, dass der Genesungsprozess der Augen weiter fortschreitet und dass sie sogar irgendwann wieder in die freie Wildbahn zurück kehren kann. Wir freuen uns für Mausi, denn die Wiederherstellung des Sehvermögens ist natürlich ein absolutes Plus an Lebensqualität, egal, ob man wieder ganz wildbahntauglich wird oder ob man leicht sehbehindert in einem Reh-Gehege weiter leben darf!

Nachtrag vom 22.08.2014:

Leider scheint die Genesung der Augen nicht mehr fortzuschreiten, so dass Mausi doch halb blind bleiben wird. Ihr Tierarzt teilte uns mit, dass er bei der Wildtierhilfe Fiel anfragen will, ob man Mausi dort übernehmen könnte. Ansonsten darf sie weiterhin bei ihm bleiben.