Was sucht der Fuchs beim Wertstoffhof?

 

Am Abend des 22.06.2014 erreichte mich der Anruf eines jungen Mannes. Er habe schon früher bei facebook unsere Seite entdeckt und angesehen. Heute sei es das erste Mal, dass er auch einmal unsere Hilfe benötigen würde. Beim Wertstoffhof in der Gemeinde X hätten er und seine Mutter und Schwester einen Fuchs entdeckt, dem es sehr schlecht ginge. Was er habe, wüssten sie nicht.

Ich fragte, ob er direkt an der Straße gefunden wurde, und das bejahte der Anrufer. Also wieder mal ein Verkehrsunfall wie so oft. Da ich gerade mit einer Reh-Rettung (siehe "Bambi zu Besuch bei der Wildtierhilfe") beschäftigt war, bat ich die Finder, den Fuchs selbst aufzunehmen und sofort zu unserem Tierarzt zu bringen, von wo ich den Fuchs dann abholen wollte.

Zunächst stand da wieder die Frage im Raum: Ist der Fuchs tollwütig? Ich erklärte den Findern, dass durch flächendeckende Schutzimpfungen der Füchse über Fraßköder in Deutschland schon seit vielen Jahren keine einzige Tollwuterkrankung beim Fuchs aufgetreten ist.

Angst, liebe Leser, müsste man heutzutage eher haben, wenn Hunde aus tollwutgefährdeten Ländern importiert werden. So trat 2013 ein Fall von Tollwut bei einem aus Marokko importierten Hund im Landkreis Hassberge auf. Dessen Impfpapiere müssen offenkundig gefälscht gewesen sein.

Der Fuchs, so stellte es sich bei der Übergabe heraus, hatte auch wirklich eine so schwere Kopfnuss durch den Aufprall auf das vorbei fahrende Auto erlitten, dass er total benebelt war. Bei meinem Eintreffen lag er völlig hilflos in der Klappbox der Mutter des Finders, die zufällig eine ehemalige Hausnachbarin von mir war. So klein ist die Welt! Wir hatten uns viele Jahre nicht gesehen, und ihre Kinder sind jetzt schon groß.

Die Familie war in großer Sorge, denn sie hatten die Polizei kontaktiert und diese hatte offenbar zunächst kommen wollen, um den Fuchs zu erschießen, oder zumindest hatten es die Finder so verstanden. Ich trug den Fuchs in die Tierarztpraxis - er hing wie ein schlaffes Stoffpüppchen in meinem Arm. Nur an den Augenbewegungen sah man, dass er überhaupt am Leben war. Ich rief kurz bei der Polizei an und fragte, ob tatsächlich eine Polizeistreife zum Fuchs unterwegs sei - doch der Beamte am Telefon erwiderte, der Finder habe ja bereits mitgeteilt, dass der Fuchs der Tierrettung der Wildtierhilfe Bamberg übergeben worden sei, und damit sei ein Einschreiten der Polizei nicht mehr erforderlich. Ich bat den Beamten aber noch, den zuständigen Jagdpächter davon zu informieren, dass uns ein Fuchs zur Pflege übergeben worden und das Tier jetzt in der Tierarztpraxis sei, um feststellen zu können, ob und wie ihm geholfen werden könne. Der Tierarzt rief mich ins Behandlungszimmer und behandelte den Fuchs sofort. Dieser erhielt ein starkes Schmerzmittel. Das folgende Foto zeigt, wie schlecht es ihm durch das Schädel-Hirn-Trauma zu Anfang ging. Er konnte nicht mal seinen Kopf hoch oder die Augen richtig offen halten.

 

Da wir eigentlich keine Unterbringungsmöglichkeit für Füchse haben, wollte ich den Fuchs gerne an eine auswärtige Fuchs-Pflegerin abgeben. Doch diese hatte gegenwärtig ebenfalls nichts mehr frei. So musste der Fuchs zunächst in einer großen Hundetransportbox bleiben, was ihm in seinem Zustand nicht schwer fiel, denn er bekam von den Geschehnissen um ihn herum kaum etwas mit. Ich befürchtete mal wieder, dass mit dem Schädel-Hirn-Trauma eine Hirnblutung einher gehen könnte, doch dann wäre er aller Wahrscheinlichkeit bereits innerhalb der ersten beiden Tagen verstorben.

Nachdem das junge Fuchs-Mädchen nach 48 Stunden, die sie hauptsächlich schlafend verbrachte, da ihr sicher der Schädel mächtig brummte, munter und fit erschien, wollte ich sie gerne schnellstmöglich wieder frei geben. Sie kratzte an der Boxwand und wollte sehr gerne wieder da raus. Ich verabredete mich bei Sonnenuntergang mit den Findern, um das Tier am alten Ort wieder frei zu lassen. Doch der Schein hatte getrogen, Foxy war sehr unsicher, drehte sich im Kreis, blieb lieber in unserer Nähe und ließ sich schließlich wieder mitnehmen. Leider war bei der Fuchs-Pflegerin immer noch nichts frei geworden, so dass ich auch Foxy wieder mal bei Verwandtschaft von mir unterbringen musste.

Der Fuchs wird also noch einige Tage in menschlicher Obhut bleiben müssen. Foxy lässt sich streicheln und anfassen. Das bedeutet, sie hat immer noch einen ordentlichen Treffer weg, denn ein fittes Wildtier ergreift die Flucht, wenn Menschen nahen. Ich hoffe sehr für Foxy, dass sie bald wieder in ihren bisherigen Lebensraum zurück kehren kann.

Obwohl Foxy jetzt viel Platz zur Verfügung hatte, lag sie die nächsten zwei Tage weiterhin lieber in ihrer Hundetransportbox, denn deren Tür ist nun permanent geöffnet, so dass sie weiß, dass sie auch jederzeit die Box verlassen kann. Es ist eben ein Unterschied, ob man sich freiwillig an einem Ort aufhält oder aber gezwungenermaßen. Unser Füchsla wird, weil sie so mager ist, derzeit gut gefüttert und frisst auch sehr gut alles Angebotene, sowohl Katzen- als auch Hundefutter (bevorzugt Katzennahrung). Foxy wird, sobald sie wieder richtig fit ist, vom Tierarzt entwurmt und kann dann hoffentlich bald wieder ihr bisheriges junges Leben ohne Einschränkung leben. Sie macht sich jedenfalls ganz gut und ich bin mit dem Genesungsfortschritt zufrieden. Sie ist jetzt auch schon neugierig und wartet an der Tür des Notfall-Stalles, ob da etwas zum Fressen kommt und wie die Welt dort draußen aussieht. Foxy hatte ein Riesenglück, dass ihre Finder nicht weggesehen haben und dass sie bei uns gelandet ist. Es hätte für die junge Füchsin ganz anders enden können...

 

Susanne Wicht

 

Füchsla Foxy in der Box beim Schlafen, umgeben von herum geworfenem Trockenfutter: Es geht schon besser, aber im Kopf schwirrt noch alles...

 

Sechs Tage nach dem Unfall entstand folgende Aufnahme: Man sieht, es schmeckt. Da Foxy sehr mager ist, darf sie noch tüchtig fressen, bis sie wieder in die Natur zurück kann. Sie ist auch immer noch sehr zahm.

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06.07.2014:

Foxy hat zugenommen und ist wesentlich agiler, in den ersten 1,5 Wochen schlief sie vorwiegend.

Foxy hat nun wieder an allem Interesse, leider aber auch Flausen im Kopf.  Beim Ausmisten schleicht sie sich von hinten an und zerrt an den Hosenbeinen wie ein Hundewelpe. Das ist nicht gut, denn sollte ihr die Idee kommen, das später im Wald mit Spaziergängern ebenso zu machen, wird es eine Panik wegen angeblich tollwütigen Füchsen, die Menschen beißen wollen, geben. Wir hoffen, das legt sich noch.

Da nach überstandenem Schädel-Hirn-Trauma die natürliche Scheu vor dem Menschen normalerweise zurück kehrt, bleibt uns hier die Frage, ob Foxy eine nicht fachmännisch ausgewilderte Handaufzucht ist.

 

Füchsla Foxy lächelt - ihr geht es tagtäglich wieder besser

 

Füchsla Foxy auf ihrer Hundetransportbox, ihrer Schlafhöhle - sie kann wieder springen und hat nur Unfug im Sinn

 

Aktuell haben wir bei einer Fuchs-Pflegestelle bei Nürnberg nachgefragt, ob diese einen Rat hat, wie wir Foxy die Spielereien abgewöhnen können. Wir hoffen nun darauf, dass sie uns anbieten wird, dass Foxy bei ihr fachgerecht auf die freie Wildbahn vorbereitet werden kann, denn einen Fuchs ohne Menschenscheu kann man nicht einfach so in die Natur entlassen. Foxy zerrt nach wie vor an meinen Hosenbeinen, öffnet Schnürsenkel und kaut meine Schuhspitzen an wie ein junger Hundewelpe. Für Foxy ist das ein lustiges Spiel, vor allem, wenn die Mama quietscht. Das macht ihr einen Heidenspaß. Doch so ist sie noch nicht wildbahntauglich. Sie muss sich zwingend vor Menschen verstecken, nicht mit ihnen spielen wollen. Waldspaziergänger würden ihre Annäherungsversuche komplett missverstehen.

Die von uns angedachte erfahrene Fuchs-Pflegerin ist Biologin und hat den Sachkundenachweis für die Pflege von Wildtieren sowie geeignete Freigehege. Wir hoffen, es klappt, Foxy dorthin abgeben zu können. Nach dem Wiedererlangen der natürlichen Scheu würden wir Foxy dann gerne im Beisein ihrer Finder wieder am Fundort frei lassen.

Wir halten Sie auf dem Laufenden, wie es mit der verspielten Foxy weiter geht.

 

Nachtrag vom 19.07.2014:

Leider hat die besagte Biologin derzeit keinen Platz für einen Fuchs frei. Auch bei ihr ist das Fuchs-Gehege belegt. Nun geht die Suche nach einem anderen Auswilderungsgehege weiter... Hilfe hat uns die Wildvogel-Auffangstation in Stadtsteinach angeboten, diese benötigt jedoch zunächst selbst erst Spenden für den Gehegebau.

 

Neuester Stand vom 23.07.2014:

Nachdem die Wildvogel-Auffangstation Stadtsteinach leider aufgrund fehlenden Spendeneingangs kein Fuchs-Gehege bauen kann, müssen wir anderweitig weiter suchen. Unserer neueste Anfrage haben wir an eine Regensburger Einrichtung geschickt, welche ein großes Auswilderungsgehege für Füchse besitzt. Wir hoffen nun, dass es dort klappen wird.

Nachtrag vom 29.07.2014:

Unsere Anfrage hat ergeben, dass Foxy in ein oberpfälzisches sehr schönes Naturgehege hätte umziehen können, allerdings fand sich kein Transporteur dorthin. Ich selbst kann keine weiten Fahrten unternehmen, da ich vor Ort benötigt werde.

Foxy darf nun zu einer oberfränkischen langjährigen Fuchs-Pflegestelle umziehen, bis sie wieder ihre natürliche Scheu erlangt hat, um dann naturtauglich wieder frei gelassen zu werden. Ein Glück für Foxy, die nicht mehr alleine ist, sondern seit drei Wochen eine kleine Fuchs-Freundin namens Fixi hat, die ebenfalls mit ihr zusammen umziehen darf. Artgenossen fördern das natürliche Verhalten und lenken von einer Fehlprägung auf den Menschen ab!

Kaum zu glauben - die kleine Fixi ist der Chef im Team. Foxy nimmt Rücksicht auf ihre kleinere Freundin, die es noch schwerer erwischt hatte als Foxy selbst. Auch hier war ein Mensch schuld, der die kleine Fähe angefahren hat. Doch auch Fixi hatte Glück und überlebte dank der guten Pflege. Nun hat Foxy einen Artgenossen und muss nicht länger alleine sein. Junge Füchse vertragen sich im Gegensatz zu den geschlechtsreifen, adulten Tieren noch gut miteinander. Eine Rangordnung mussten sie dennoch herstellen. Hier war Fixi eindeutig die Siegerin. Vielleicht hat ihr Foxy aber auch nur den Vortritt beim Füttern gelassen, weil sie weiß, dass ihre Freundin noch schlechter dran war als sie selbst.

 

Die kleine Fixi - Autounfall-Opfer mit Schädelfraktur

 

Nachtrag vom 01.08.2014:

Am Abend des 31.07.2014 hieß es, Abschied von Fixi und Foxy zu nehmen. Das war nicht leicht, denn man hängt natürlich immer an seinen Pfleglingen, zumal, wenn sie so krank waren und soviel Pflege benötigt haben. Nach der Reise zum Zielort zogen Foxy und Fixi gemeinsam in das Auswilderungsgehege der Wildtier-Kollegin ein. Sie pflegt schon einige Jahre Füchse und verfügt nicht nur über ein eigenes Gehege mit mehr Platz als wir zu bieten hatten, sondern wird auch dafür sorgen, dass die verspielte Foxy wieder zum Wildtier wird. Ein Herausreißen aus dem gewohnten Alltagstrott wirkt in Sachen Naturtauglichkeit manchmal Wunder!

Während Fixi sich gleich mutig in dem neuen Gehege auf Erkundungstour machte, wollte Foxy überhaupt nicht gerne umziehen.  Sie versteckte sich ganz schnell in der großen Schlafhöhle, aus der sie sich so schnell auch nicht wieder hervor traute. Foxy wird nun angemessene Zeit bis zum Wiedererwerb der natürlichen Scheu vor dem Menschen in diesem Auswilderungsgehege verbleiben und dann die Rückreise nach Bamberg antreten, wo sie entweder in ihr altes oder in ein neues Revier umziehen wird. Das werden wir zum Zeitpunkt der Entlassung in die Natur in gegenseitiger Absprache entscheiden.

Fixi, welche eine Schädelfraktur erlitten hat, bleibt voraussichtlich längerer Pflegegast. Sie darf evtl. zu einem späteren Zeitpunkt in eine große Wildtierauffangstation umziehen, falls sie gehandicapt bleiben sollte. Ansonsten kann auch sie wieder in die Natur zurück.

Nachtrag vom 28.09.2014 - Happy End:

Ein Anruf bei der Pflegerin von Fixi und Foxy ergab, dass Fixi wieder vollständig geheilt ist. Ihr Sehvermögen hat sich wieder regeneriert. Sie rennt geworfenen Bällen hinterher und reagiert ganz normal auf menschliche Bewegungen. Beide Füchse sind somit vollständig genesen und werden von ihrer Pflegerin in Kürze an einen Fuchsfreund in Thüringen abgegeben, der auf einem sehr großen Grundstück mitten in der Natur lebt. Dort gibt es keine vielbefahrenen Straßen, so dass zu hoffen bleibt, dass Fixi und Foxy dort ein glückliches, gesundes und langes Leben in Freiheit leben dürfen. Ende gut, alles gut! Der Einsatz hat sich wieder mal gelohnt!

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An dieser Stelle verabschieden wir uns nun aber von Fixi und Foxy, da noch viele andere Notfälle auf uns warten, und wir wünschen beiden jungen Fähen alles erdenklich Gute für ihre weitere Zukunft.

 

Meine ausgefuchsten Pflegefälle-

die immer lächelnde Foxy und die kleine Fixi in ihrer Schlaf- und Kuschelecke hinter dem Raumteiler

in der Blockhütte meiner Verwandtschaft

 

Nachtrag vom 03.05.2014:

Erst lange Zeit später, nämlich Anfang April 2015, hatte ich wegen eines Fuchsbaby-Notfalls wieder Kontakt zu der Dame, welche Foxy und Fixi von uns übernommen hatte. In diesem Telefonat konnte ich mich auch kurz nach dem weiteren Lebensweg der beiden Fähen erkundigen. Frau B. konnte mir die erfreuliche Mitteilung machen, dass planmäßig sowohl Foxy als auch Fixi zu ihrem Bekannten nach Thüringen auf den Reiterhof umzogen.

Der Stalleigentümer hatte eigens für sie nochmals ein neues Auswilderungsgehege gebaut und die beiden nach angemessener Eingewöhnungszeit dann in die umliegende Natur entlassen.

Über viele Wochen kamen sie noch täglich, um ihr gewohntes Futter abzuholen. Dann schließlich kamen sie seltener und wanderten schließlich in ihr jeweiliges neues Revier ab.

Dies ist ein wirklich schönes Happy End für beide Fuchs-Mädchen, für die wir hoffen, dass sie dort draußen in der neuen, straßenfernen Landschaft ein langes und gesundes Leben leben dürfen.

Gerade auch dieser Fall zeigt uns, wie sinnvoll unsere Hilfe für Wildtiere in Not ist.

Da wir aufgrund einer fehlenden Unterbringungsmöglichkeit (das Gartenblockhaus der Cousine steht uns nicht mehr zur Verfügung) und fehlender Spendeneingänge leider keine Füchse mehr zur Pflege aufnehmen können, bitten wir unsere Leser, sich in Fuchs-Notfällen bitte an das Tierheim Coburg oder Tierarzt Dr. Lessing in Coburg oder aber an www.noris-wildtiere.de zu wenden. Dort sind Fuchsgehege bzw. Quarantänestation vorhanden.

 

Susanne Wicht